Die Zentren sprießen aus dem Boden: Ein neuer Foto-Boom?

Das Jahr hat begonnen und für die Fotografie-Interessierten scheint es ein richtig Gutes zu werden – jedenfalls, wenn man den medialen Verlautbarungen Glauben schenken darf. Denn nachdem im ausgehenden vergangenen Jahr die Bundesregierung ein neues Institut für das Rheinland in Aussicht gestellt hat, lässt sich auch das Ruhrgebiet nicht lumpen: soeben ist ein neues „Fotozentrum“ in Essen angekündigt worden! Das Bundesland NRW, ohnehin mit Ausbildungsstätten in Köln, Düsseldorf, Essen und Bielefeld schon besonders gesegnet, scheint also mal wieder Furore zu machen. Aber was steckt da hinter bzw. was darf man davon halten?

Während die betroffenen Institutionen auf ihren jeweiligen Homepages noch nichts vermelden wollten, hat die ortsansässige Tageszeitung WAZ am 8. Januar lauthals verkündet „Essen soll Foto-Zentrum werden”. Nun ist die geballte Foto-Kompetenz in Essen nichts wirklich Neues, ist aber die begriffliche Zusammenfassung als „Zentrum für Fotografie“ tatsächlich mehr als nur eine marketing-konforme Nomenklatur, die im kommunalen Wettkampf den Schlagzeilen aus der Landeshauptstadt Paroli bieten möchte? Denn im nahen Düsseldorf überbieten sich in rheinischer Lockerheit gerade die Fantasien zwischen „Wunder“ und „vergebener Chance“, die in die mit Bundeshilfe avisierte neu zu errichtende Institution projiziert werden. Der Name dafür – derzeit konkurriert in den Gazetten der Begriff des „Fotozentrums“ mit dem noblen „deutsches Foto-Institut“ – ist dabei noch ebenso unklar wie der genaue inhaltliche Zuschnitt des Düsseldorfer Instituts. An guten, leicht aufgeregten Ratschlägen mangelt es aber schon jetzt nicht, so dass sich die zuständigen Politikerinnen schon jetzt genötigt sahen medial beschwichtigend einzugreifen.

Die nicht nur rheinischen Fantasien stechen ins Kraut, der Standort schien schon klar auf dem auf dem Gelände des Betriebshofs des städtischen Gartenamts und des benachbarten Hundeauslaufs, so dass auf denen Animationen wie zur Kompensation dieses Verlustes Personen über das Dach laufen (s. unsere Abbildung).

Vor diesen großen Dimensionen will die Essner Medienlandschaft nicht zurückstehen. Ein „Fotozentrum“ in Essen klingt also gut, aber worum geht es konkret? Der Untertitel des erwähnten Beitrags enthüllt, dass Ruhrmuseum, das Museum Folkwang, die Folkwang Universität der Künste und das Historische Archiv Krupp „gemeinsame Sache“ machen. Heiße Luft des Städte-Marketings? Mitnichten: Die geplante Einrichtung von zwei Stellen für Foto-Restaurierung im Museum Folkwang ist mehr als erfreulich. Im nationalen Kontext ist das freilich nichts Neues, denn reine Foto-Restaurierungsstellen gibt es in der Republik bereits – wenn auch nur wenige (so z.B. im musealen Kontext bislang nur im Restaurierungszentrum Düsseldorf, im Stadtmuseum München und im Sprengel Museum Hannover). Man kann sich allenfalls wundern, dass dergleichen an einer der wichtigsten Museums-Sammlungen für Fotografie in Deutschland, dem Museum Folkwang, nicht schon längst existiert. Nun kommt sie also gleich doppelt – toll! Und was dürfen wir von dem vierteiligen Zentrum noch erwarten? Alle zwei Jahre internationale Symposien zur Fotografie, heißt es! Das gibt es freilich schon länger in Essen, denn Uni und Museen sind lange schonsehr rege. Aber was wirklich erstaunt ist das angekündigte „Medienzentrum“. Es „soll zudem mit einer digitalen Vernetzung von Foto-Institutionen in Düsseldorf, Köln und anderen NRW-Städten ein Portal für das gesamte Land werden. Schließlich soll das Medienzentrum auch fotografische Bestände aus öffentlichen und privaten Sammlungen in NRW digital erschließen, vernetzen, zusammenführen und verfügbar machen“. Der Unterschied zum geplanten Düsseldorfer Institut bleibt hier unklar – wohl gemerkt: ohne aktuell zu wissen, was in Düsseldorf genau entstehen wird.

Was lernen wir also aus alledem? Alles wird nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird – und das betrifft sicher auch die aktuelle Berichterstattung in den Medien. Aber die Zukunft scheint zumindest verheißungsvoll – und auch aus Hannover wird in Zukunft noch das ein oder andere zu vermelden sein…

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

 

BU: PROJEKTSCHMIEDE GMBH /dpa

 

1 Kommentar zu Die Zentren sprießen aus dem Boden: Ein neuer Foto-Boom?

  1. „– und auch aus Hannover wird in Zukunft noch das ein oder andere zu vermelden sein“ Diese Andeutung lässt mich träumen. Ein Traum wäre es, in Hannover eine Einrichtung zu bekommen, wie das „FOAM“ (Amsterdam) oder das „nederlands fotomuseum“ (Rotterdam).
    Das FOAM und seine Publikationen sind für mich Vorbild und immer erste Anlaufstelle, wenn ich in Amsterdam bin. Auch unsere liebeswerte Nachbarstadt Braunschweig ist ja mit einem eigenen Haus für Fotografie gut aufgestellt. Da müsste Hannover doch die Ambitionen haben mit einem eigenen Haus für Fotografie nachzuziehen. Ein Haus das offen für alle Spielarten der Fotografie ist, das wissenschaftlich arbeitet, das Raum für Diskussionen lässt, eigene Publikationen veröffentlicht und interessierte Bürger*innen der Stadt einbindet, sowie eine Teilhabe bietet. Na ja man darf ja mal träumen dürfen. Aber es würde sicherlich die kulturelle Strahlkraft Hannovers erhöhen und Besucher*innen locken. Unsere neuer OB ist ja der Kultur nicht abgeneigt, vielleicht ist es an der Zeit in eine eigene Fotografie-Institution zu investieren, so wie es andere Städte tun – dies zeigt ja der Artikel deutlich. Denn in Zukunft kulturell abgehängt zu werden, kann sich Hannover nicht leisten und die Fotografie ist immer noch meist ein Publikumsmagnet, dies wissen auch die anderen um Aufmerksamkeit bzw. Einnahmen konkurrierenden Städte.

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