4 Fragen an…Maren Lübbke-Tidow

Du bist eine erfahrene Autorin, Kuratorin, Kritikerin: Kannst Du schon jetzt Auswirkungen der gesellschaftlich globalen Krise namens „Pandemie“ in der aktuellen Bild-Produktion ausmachen und wenn ja, wie würdest Du diese beschreiben?

Man kann diese Frage aus verschiedenen Blickwinkeln beantworten: aus der Lebenswirklichkeit der Künstler*innen, aus den betrieblichen Zusammenhängen der Kunst oder aus den Bildern selbst heraus. 

Ich glaube, die Idee von einer neuen Konzentration des Arbeiten, so wie sie sich noch im ersten Lockdown viele Künstler*innen erhofft hatten, hat sich weitgehend erledigt: Die erzwungenen sozialen Distanznahmen führen zu Zerfaserung. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von einer aktuell “atomisierten Gesellschaft” und identifiziert, “dass wir uns wie isolierte Atome in einem kalten Universum fühlen (…) Und dieses Gefühl lähmt eben auch jede Kraft für eine kulturelle und soziale Neuerfindung.” So erlebe ich gerade auch unsere Szene. Mir kommen viele entkräftet vor. Die Frage, die diesem Gefühl unterlegt ist, ist ja, wie sich der Betrieb verändern wird und ob die zum Teil lange und auch vor der Pandemie erarbeiten Arbeitszusammenhänge und die Möglichkeiten der Präsentation erhalten bleiben. Ich befürchte, dass unser Feld einer erheblichen Rosskur unterzogen werden wird. Das bekümmert mich. Denn wir wissen ja, dass die Kunst die Wahrnehmung für gesellschaftliche Veränderungsprozesse schärfen kann und es die Künstler*innen sind, die die Mittel in der Hand halten soziale, politische und gesellschaftliche Zusammenhänge kritisch zu reflektieren und aufzuzeigen. 

Vielen künstlerischen Projekten, die sich im vergangenen Jahr sehr schnell auf die Pandemie bezogen haben, stehe ich zugegebenermaßen skeptisch gegenüber. Vielleicht, weil ich für die neuen Umstände selber auch auf die Schelle keine Sprache parat hatte. Eine Ausnahme stellen für mich die neuen Fotografien von Barbara Probst dar, die 2020 während des ersten Lockdowns in Soho / New York entstanden sind. Ob intendiert oder nicht: Diese Bilder funktionieren für mich wie eine Parabel auf die Pandemie. Mit ihnen keimt das sichere Gefühl auf, dass sich unsere Gesellschaft grundlegend verändern wird. Ich bin mir sicher, dass Fragen nach dem Verlust von Menschen, von sozialen Zusammenhängen, von Bildung, von Arbeit und womöglich auch die Gefahr des Verlusts eines offen-geweiteten Blicks auf die Welt nach und nach Einzug halten werden in unsere Verhandlungszusammenhänge. Ich finde das tröstlich und erhoffe mir, dass wir dann auch nach wie vor die Räume auffinden können, in denen wir zusammen die Kunst feiern können.

Zeitungen, Magazine und andere klassische Publikationsformen klagen schon seit jeher über schwindendes Interesse des „Publikums“, was ja auch den Foto-Sektor betrifft. Du hast das bei Deiner Tätigkeit für „Camera Austria“ jahrelang aus nächster Nähe erlebt. Wie, denkst Du, werden sich die Medien formal ändern müssen, um fortzubestehen oder wird es einfach nur eine weitere quantitative Reduktion von Magazinen etc. geben?

Will man sich den Regulierungen des Marktes unterwerfen? Sicher, Projekte sterben, das ist besorgniserregend und macht einem den unsicheren Boden, auf dem man sich fortwährend bewegt, immer wieder aufs Neue klar. Manches findet keinen finanziellen Rückhalt und verschwindet, ob fertig oder nicht, in irgendwelchen Schubladen. Aber: Man darf sich auch nicht vor sich her treiben lassen und sich mit den mühsam erarbeiteten eigenen Formaten vorschnell an neue Realitäten “anpassen”. Bei Pierre Bourdieu habe ich einmal sinngemäß gelesen: “Je kleiner die Nische ist, in der man arbeitet, desto größer ist die Autonomie des Handelns”. Dies empfinde ich immer noch als Rettung, und ermutige alle – und auch mich selbst – immer wieder dazu, lieber in der eigenen Genauigkeit zu bleiben und, wenn es irgend geht, einfach weiterzumachen. Wir können hier auch von den Künstler*innen lernen: Empfinden wir es nicht immer wieder als Glück, wenn wir auf eine Postion stoßen, die einfach konsequent durchgezogen hat, auch um den Preis nicht von allem immer sofort gesehen zu werden?

Aber ganz praktisch: Fachmagazine zum Download bereitstellen ist wohl angesagt. Das ist aber die Perspektive einer Leserin und nicht die einer ehemaligen Redakteurin einer Kunstzeitschrift, die am Papier hängt, die die Zeitschrift als Objekt liebt und die nur allzu gut weiß, dass die Existenz von Zeitschriften auf Abonnent*innen, Anzeigenkundin*innen und auf Direktverkäufe angewiesen ist. Die Frage, ob Zeitschriften nicht erst recht untergehen, wenn alles – am besten kostenlos – verfügbar ist oder welche Modelle der friedlichen Ko-Existenz man da entwickeln kann, hab ich für mich noch nicht beantworten können. Am Besten also: Abonnieren Sie noch heute und unterstützen Sie ambitionierte Projekte.

Jeder hat so seine Lieblings-Künstler*innen, zumeist mindestens eine Handvoll. Gibt es analog dazu für Dich favorisierte Autor*innen, die über Fotografie publizieren?

Ich bewege mich durch Textproduktionen nicht systematisch, sondern rhizomatisch, lese Prosa, Tageszeitung, Theorie gleichermaßen. Ich stochere gern überall rein und manches mal passiert es dann, dass ich hängen bleibe und (kurzzeitig) Fan werde. Ein Beispiel meiner Streifzüge: Kürzlich habe ich von Tilman Baumgärtel Gifs gelesen und von Diana Weis Modebilder, erschienen in der Reihe der Digitalen Bildkulturen. Beides waren Themen, die mich gar nicht sonderlich interessierten, und die Autor*innen kannte ich bis dahin nicht. Beide Texte zeugten aber von einem jeweils so hellwachen Geist und der Lust am Schreiben, dass es ein Genuss war ihren hochkomplexen Gedanken beim Lesen zu folgen – weil sie es eben verstanden sie in lesbare Texte zu gießen.

Ich mag es außerdem, wenn Theoretiker*innen nicht loslassen, ohne zu großen Fußnotenapparat ganz genau sind und es dann aber schaffen sich zu phantastischen Ideen aufzuschwingen. George Didi-Huberman ist für mich so eine Figur. 

The “Miracle of Analogy, or the History of Photography (Part I)” von Kaja Silverman hat mich eine zeitlang festgehalten, vor allen Dingen aber im Gespräch mit anderen über ihre Ideen. Denn obwohl ich Lesen immer wieder als eine Form des intensiven Lebens erfahre, schätze ich es am meisten mit anderen über das Gelesene auszutauschen und so immer wieder neue Facetten auf etwas zu werfen, was mir zunächst eindeutig erschien.

Meine letzte Frage gehört zum Standard: Welche fotografische Position hat Dich zuletzt fasziniert?

Seit einiger Zeit knabbere ich immer wieder an der Frage, wie wir dokumentarfotografische Arbeiten neu verhandeln können, denn die unsere brüchige Welt verlangt mehr denn je fotografisch präzise festgehalten, aber auch entsprechend kontextualisiert zu werden. Der Begriff des Dokumentarischen scheint nicht mehr brauchbar, ich würde ihn gern durch “soziale Fotografie” ersetzen – und jenseits der Social Media-Fotografie ansiedeln wollen. Ob das gelingen kann, weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich mir deshalb wieder einmal die “Protest Photographs” von dem wirklich vergessenen US-amerikanischen Fotografen Chauncey Hare angeschaut. Die soziale Wirklichkeit und wie er sie fotografisch eingefangen hat, hat mich umgehauen. Ich stellte mir aber die Frage: Wie kann ich von seiner Haltung ausgehend einen Bogen in die Gegenwart schlagen – wer hat heute die fotografischen Antworten? – und landete unter anderen bei der russisch-ghanaischen Künstlerin Liz Johnson Artur. Ich hoffe sehr, dass ihr Künstlerbuch, das Bakri Bakhit in seinem ambitionierten Verlag Bierke herausgegeben hat, bald in 2. Auflage erscheint und ich es dann mein eigen nennen darf. 

Wie viel mehr aber auf der Ebene der Rezeption passieren kann, wenn man den Buchraum verlässt und Bilder konkret im Ausstellungsraum betrachtet, wurde mir wieder bei Sophie Thun klar, deren Bilder im letzten Herbst bei C/O Berlin hingen. Ich kannte ihre Arbeiten bis dahin – wie ich meinte recht gut sogar – nur aus Publikationen. Aber ihre Bilder / Selbstporträts / Installationen entfalten sich so eigensinnig und zugleich klar im Raum und haben dort eine vollkommen andere Präsenz als in einer Reproduktion. Erst nach und nach sieht man Bezüge zur Geschichte der Kunst und wie die Künstlerin es versteht sie mit ihrer Arbeit inhaltlich neu aufzuladen. Das kann man aufschreiben. Aber erstmal steht man sprachlos vor ihren auch materiell-haptisch wirklich magischen Bildern. Und das ist immer der beste Moment in der Kunst. Wenn die Sprache versagt. Dann ist eine Beweglichkeit im Denken gefragt und ich kann anfangen – wenn ich Gelegenheit dazu erhalte – meine Werkzeuge als Autorin zu schärfen.

Mit bestem Dank an

Maren Lübbke-Tidow

…ist freie Autorin, Kritikerin und Kuratorin in Berlin

BU: Heidi Specker

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