4 Fragen an…Christina Leber

Du bist seit vielen Jahren die Leiterin einer der größten, auf jeden Fall wichtigsten Sammlungen künstlerischer Fotografie in Deutschland. Soeben habt ihr Eure Trägerschaft von der Kunstsammlung der DZ Bank zur Kunststiftung transformiert: Was bedeutet das konkret für Euer Engagement? Wird das auch zu inhaltlichen oder strategischen Auswirkungen führen?

Zunächst einmal gibt uns die Gründung der Stiftung eine größere Planungssicherheit, da die Fördersumme über Jahre festgelegt wurde. Inhaltlich hat sich die Kunstsammlung in den fast 30 Jahren ihres Bestehens immer weiterentwickelt, wobei von Beginn an ein Fokus auf künstlerische Positionen gelegt wurde, die im Material weit über Fotoabzüge hinausgehen. Auch dieses wichtige Merkmal war ein Grund für die Umwandlung in eine Stiftung. Die Sammlung wird seit 2003 in einer eigenen Ausstellungshalle präsentiert. Sie vermittelt die Entwicklung künstlerischer Fotografie seit den 1960er Jahren: Von der frühen Konzeptkunst der USA wie Robert Barry und Barbara Kruger bis zur völligen Aufgabe fotografischer Techniken in der Gegenwart. Wir werden diese Ausrichtung fortsetzen und auch weiterhin die aktuellen Strömungen in der Fotografie verfolgen und in unseren Ausstellungen abbilden.
Unser Vermittlungsangebot für Kindertagesstätten und Schulen sowie individuell buchbare Kunstführungen haben wir in den letzten Jahren beständig ausgebaut. Ebenso wurde 2013 das Stipendium wiederaufgenommen, das es bereits in den ersten zehn Jahren der Sammlungstätigkeit gegeben hat. Kooperationen mit Ausstellungshallen und Museen gibt es bereits seit 1998, durch die Stiftung haben wir eine verstärkte Zusammenarbeit mit Kunsthochschulen und Universitäten aufgenommen. So finden Seminare in unseren Ausstellungsräumen statt und wir arbeiten auch für Ausstellungen mit Hochschulen zusammen. Zum Beispiel entwickeln wir im nächsten Jahr zusammen mit einem Seminar von Professor Steffen Siegel von der Folkwang Universität der Künste ein Konzept für eine Ausstellung im Sommer 2022. Die Studierenden werden auch die Publikation zur Ausstellung mit Texten bestücken. Wir haben uns also immer mehr zu einer eigenständigen Institution entwickelt, die in diesem Jahr ihre Form in einer Kunststiftung erhalten hat.
Alles in allem geht die Stiftungsgründung aus einer langjährigen Entwicklung hervor und ist eher als eine Bestätigung der bisherigen Strategien zu verstehen als mit einer Neuausrichtung verbunden.

Momentan gibt es eine erhitzte öffentliche Diskussion zu einem geplanten Bundesinstitut für Fotografie, die sich weitgehend auf Standortfragen, weniger auf inhaltliche Themen konzentriert. Rücken wir hier einmal das Thema der fotografischen Nachlässe in den Mittelpunkt: Glaubst Du, dass die Bearbeitung dieser großen Aufgabe von einem zentralen Institut geregelt werden muss oder glaubst Du, dass dies eigentlich auch mit der vorhandenen musealen Infrastruktur zu schaffen wäre?

Das ist eine sehr interessante Frage. Ich glaube und hoffe nicht, dass es in Deutschland nur eine Institution geben wird, die sich um die Vergangenheit und die Zukunft der Fotografie sowie um den Erhalt ihrer Technikvielfalt bemühen wird. Wenn ich das richtig verstanden habe, gibt es durchaus Bestrebungen, das Bundesinstitut als Schaltstelle auch für Museen und Stiftungen zu verstehen, die sich um fotografische Nachlässe, sowie um Künstler und ihre Ausdrucksformen kümmern.
Es gibt so viele Initiativen, die neben diesem einen geplanten Bundesinstitut wichtige Impulse liefern. So auch das „Lighting the Archive“, das Maren Lübbke-Tidow im Sommer des vergangenen Jahres mitinitiiert hat. Die Interviews mit Künstlern, die bereits zusammengetragen wurden, sind wertvolle Baustein, die nach meiner Auffassung unbedingt fortgesetzt und integriert werden sollten.
Wenn man mit Künstlern spricht, ergeben sich völlig verschiedene Sichtweisen darauf, was Fotografie war, ist und in der Zukunft sein kann. Victoria Binschtok beispielsweise denkt ihr Medium völlig anders als Andreas Gursky. Diese Vielfalt bereichert. Ebenso sollten zukünftige Entwicklungen unbedingt einen Platz in einer bundesweiten Fotografieinstitution finden.
Darüber hinaus wäre es wünschenswert die bereits bestehenden Zentren für Fotografie gerade auch im Osten, wie beispielsweise in Dresden und in Leipzig, nicht zu vergessen. An der Hochschule für Grafik und Buchkunst wurde Fotografie schon unterrichtet, als im Westen der Republik noch niemand daran gedacht hat. Auch eine solche Art der Wertschätzung würde ich mir für ein Bundesinstitut wünschen.
Es würde mich also freuen, wenn in den Planungen gerade auch eine Verbindung zwischen unterschiedlichen Zentren hergestellt und so Synergien gebunden würden. Dann wäre die Standortfrage auch nicht mehr so ausschlaggebend.

Deinen Interessensschwerpunkt beschreibst Du stets in Anlehnung an Rosalind Krauss als „das Fotografische“ und nicht einfach mit der Medienbezeichnung „Fotografie“. Wie siehst Du heute, nach dem Boom der 90er Jahre, die Rolle oder den Stellenwert dieser Bildform im Konzert der Bildkünste: etabliert, nach wie vor widerständig oder – wie einige kritische Stimmen gerade meinen – als konformistisch?

In unseren Ausstellungen der letzten 29 Jahre ging es immer wieder um die Frage, wofür Fotografie herangezogen werden kann. Ob als wissenschaftlicher Beweis oder als bildgebendes Verfahren in der Medizin, ob in den Medien wie Zeitungen, Film oder heute in den sozialen Medien sowie in der Kunst. In privaten Zusammenhängen kommt die Fotografie vor allem als Erinnerungsverfahren zum Einsatz. Dabei sind all diese Abbilder mehr oder weniger abstrakt. Es sind Abzüge einer dreidimensionalen Welt, die auf zwei Dimensionen reduziert werden. Die räumliche Tiefe und die Präsenz der Gegenstände geht in den Bildern also verloren. Die Kunstwerke werden zu eigenen Objekten mit einem veränderten Narrativ. So können die Artefakte immer wieder nur Abwandlungen der Realität sein und repräsentieren sie nicht. Das geht uns bei der Betrachtung allzu oft verloren.
Hinzu kommen alle Verfahren, die ohne Kamera in der Dunkelkammer entstehen. Und das sind bei weitem noch nicht alle fotografischen Ausdrucksformen.
In unserer letzten Ausstellung hier in Frankfurt haben wir analoge und digitale Bilder sowie Skulpturen und Soundinstallationen von Adrian Sauer präsentiert. Da bin ich wieder bei der vorangegangenen Frage: Was genau ist Fotografie heute? Ein Abbild? Ein Motiv der Erinnerung? Eine Idee, die unsere Erinnerung in Frage stellt? Ein Archiv? Digital oder Analog? Adrian Sauer macht wie andere Künstler seiner Generation sehr deutlich, dass Fotografie ein ungeahnt vielseitiges Material ist, wenn man ihre Ränder mitdenkt. Gerade in unserer heutigen Zeit ist die Lesbarkeit von Bildern mehr denn je in Frage gestellt. Wenn man von Fotografie spricht, verbinden die meisten Menschen ein Motiv damit. Fotografische Ausdrucksformen hingegen gehen nicht erst in der Kunst der Gegenwart weit darüber hinaus. Daher haben wir uns für die Kunststiftung DZ BANK für den Begriff des Fotografischen geeinigt.

Zum Abschluss die Frage nach einer Neuentdeckung: Welche fotografische Position hat Dich selbst zuletzt fasziniert?

Mich persönlich erreicht Kunst immer wieder dann am meisten, wenn neben analytischen und technischen Raffinessen auch persönliche Fragestellungen verarbeitet werden und deutlich zum Vorschein kommen. Das heißt, wenn der Künstler seine Liebe zum Material und zum Inhalt vermitteln kann und dabei auch seine Vorstellung von Welt Preis gibt. Das macht zum Beispiel Adrian Sauer. Ich bin immer wieder fasziniert, wenn sich in der weiteren Betrachtung tiefere Schichten entdecken lassen, wie das bei Philipp Goldbach der Fall ist. Seine Ableitungen fotografischer Bilder, die er in kompakte Materialien überführt, beinhalten einerseits das Archiv und sind andererseits eine ganz wunderbare Übersetzung des Analogen in digitale Denkmuster.
Es ist mir ein Anliegen, dass wir in die Begegnung kommen. Wir sollten uns sichtbar und verletzbar machen. Gerade wir als Ausstellungsmacher und Autoren. Wenn wir angreifbar sind, dann geht es um etwas. Dabei wird immer wieder sehr deutlich, dass es kein richtig oder falsch geben kann, sondern nur ein sowohl als auch. Kein Mensch hat eine Deutungshoheit. Aber wenn wir uns darüber austauschen, wird Begegnung möglich und was ist schöner, als in Beziehung zu treten. Daher bin ich auch heil froh, dass wir Kunst wieder anschauen und erfahren können und nicht mehr an der Mattscheibe nur eine Ahnung von Kunst und Ausstellungen vermittelt bekommen. Diese Distanz der letzten zwei Jahre hat uns nicht gutgetan. Aber das steht auf einem anderen Blatt.