Foto-Theorie NEU gelesen: Peter Geimer und die langlebige Metaphorik

Von der besonderen Bedeutung von Metaphorik bei der Auseinandersetzung mit dem Fotografischen war schon bei der Diskussion des Ansatzes von Katharina Sykora die Rede. Peter Geimer hat in einem Beitrag zur indexikalischen Dimension, genauer: dem Motiv der „Spur“, darauf verwiesen, dass sich deren Bedeutung auch im digitalen Zeitalter Fotografie nicht geändert habe.

Geimer, der seit 2022 als Direktor des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris sitzt und zuvor als Professor an der FU Berlin lehrte, ist durch seinen Überblick „Theorien der Fotografie zur Einführung“ (2009) und das von ihm herausgegebene, in unserem Kontext selbstredend schon mehrfach bemühte Kompendium „Theorien der Fotografie V: 1995 – 2022“ (2023) eine unverzichtbare Größe im Zusammenhang der Foto-Theorie. Ich greife im Folgenden seinen im letztgenannten Band wieder abgedruckten Aufsatz „Das Bild als Spur. Mutmaßung über ein untotes Paradigma“ heraus.

Nachdem Geimer einleitend die Kritik am Einsatz der Metapher der „Spur“ zur Beschreibung des fotografischen Prozesses kurz referiert, verfolgt er ihren Gebrauch bei so historisch wichtigen Theoretiker*innen der siebziger und achtziger Jahre wie Susan Sontag, Roland Barthes und Rudolf Arnheim. Quasi en passant führt der erzählerisch stets unglaublich eloquente Autor an einem Beispiel einer historischen Fotografie von 1870, auf der neben Mameluckengräbern und einer Signatur des Fotografen Antonio Beato auch eine Fliege zu erkennen ist, die potentielle Komplexität des Themas vor. 

Nach zwei Dritteln des Textes fügt er – leicht trotzig – das etwas überraschende Zwischenresultat ein: „Es führt jedenfalls zu nichts, das Paradigma der Spur – so uneindeutig es auch verwendet wurde – aus der Fototheorie zu streichen, nur weil man Beispiele aufzählen kann, für die es ohne Belang ist.“ (36). Dies unterstreicht er mit einem gegenwärtigen (wohl gemerkt: der Text erschien erstmals 2007) Beispiel, das die Kontinuität einer indexikalischen Lesart von Fotografie im Zusammenhang einer journalistischen Verwendung des Mediums belegen kann. Es geht dabei freilich um Schockbilder, nicht um künstlerische Fotografie. 

Geimer kommt damit zu dem Schluß, dass man zweifellos keine „Objektivität“ der Fotografie mehr behaupten könne, wendet jedoch ein: „Aber noch immer werden sie mit dem Anspruch gezeigt und angeschaut, dass diejenigen, die sie zu sehen geben, einmal existiert haben. (…) Vor dem Hintergrund kunst- und kulturhistorischer Deutungstraditionen, die ihre Methoden vor allem an intendierten, komponierten und ‚sinnvollen‘ Bildern geschult haben, stellt sich deshalb weiterhin die Frage, welchen Platz eine Bildwissenschaft der Kontingenz, dem Vorfall, der ‚unkomponierbaren` Spur einräumen will.“ (38 f.) 

Auch wenn mir eine Antwort darauf einfiele, lasse ich sie als Theoretiker der künstlerischen Fotografie des 20. und 21.Jahrhunderts an dieser Stelle einmal offen.

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

BU: Antonio Beato, Mameluckengräber (mit Fliege), um 1870, Slg. Herzog, Basel

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