Foto-Theorie NEU gelesen: Hito Steyerl und die Allgegenwart des digitalen Spams

Zeitgenössische Theorie, die wirklich etwas auf sich hält, kann an Hito Steyerl natürlich nicht vorbei. Die Filmemacherin und in München lehrende Kulturkritikerin ist die vielleicht bekannteste Vertreterin einer so genannten Post internet-art — einem modischen Wortungetüm, dass sich auf eine künstlerische Praxis bezieht, welche die gesellschaftliche Relevanz des Internets reflektiert. 

Genau diese Haltung verfolgt Steyerl darüber hinaus auch auf einer publizistischen Ebene – nicht selten zunächst auf englischer Sprache, was selbstredend höhere Aufmerksamkeit erzeugt. Das trifft auch auf Ihren Aufsatz „A Sea of Data: Pattern Recognition and Senseless-Sign“ zu, der erstmals 2012 im e-flux journal digital und noch heute leicht zugänglich veröffentlicht wurde. Bezeichnenderweise wurde er unlängst im Rahmen des bemerkenswert gestalteten Aufsatzbandes „The Lure of the Image“ zur gleichnamigen, viel gelobten Ausstellung im Fotomuseum Winterthur wieder abgedruckt.

Worum geht es Steyerl bei ihrer Frage nach der gegenwärtigen Bildproduktion? Und handelt es sich hierbei überhaupt um Foto-Theorie im engeren Sinne oder nicht eher um eine allgemeine Bildkritik? Die Antwort auf diese Fragen wird sich zunächst auf die zweite Alternative konzentrieren, denn die Science fiction-artige und zugleich apokalyptisch angehauchte Vision in Steyerls Essay negiert geradezu den Stellenwert der künstlerischen Bildproduktion: „In a few hundred thousand years, extraterrestrial forms of intelligence may incredulously sift through our wireless communications. But imagine the perplexity of those creatures when they actually look at the material. Because a huge percentage of the pictures inadvertently sent off into deep space is actually spam. (…) The image of humanity articulated in image spam thus has actually nothing to do with it. On the contrary, it is an accurate portrayal of what humanity is actually not. It is a negative image.“ Eine bemerkenswerte Aussage für eine Künstlerin, die ja dann konsequenterweise ihre praktische Tätigkeit einstellen sollte – zumindest wenn ihre Kunst die Menschheit repräsentieren will. Doch nicht zu vorschnell geurteilt, denn möglicherweise will sie sich genau darauf gar nicht einlassen. 

Verfolgen wir also ihre Argumentation in verkürzter Form und gehen nach Steyerl Beschreibungen der Spam-Bilder auf die im Schlusskapitel ihres Beitrags zusammengefassten gesellschaftlichen Folgen ihrer Analyse ein. Darin kommt sie zu einem fatalen Ergebnis: Während nämlich ehemals unterdrückte Gruppen darum kämpfen mussten überhaupt wahrgenommen zu werden, hat dies in der durch ökonomische Interesse hervorgerufenen „crisis of representation“ im digitalen Bild-Raum paradoxerweise nun zu einer totalen Sichtbarkeit geführt, ist also durch Überwachung, soziale Medien und Datenextraktion zu einer Gefahr mutiert. Ist vor dem Hintergrund dieser Analyse also ein „Rückzug aus der Repräsentation“ die angemessene politische Reaktion, sprich: der Versuch, in einer Welt der totalen digitalen Ausleuchtung wieder einen Raum der Unsichtbarkeit zu finden? (Ein kleiner kunsthistorischer Exkurs in Klammern: Wiederholt sich in diese Krise der Repräsentation nicht sogar der Befund der Concptual art der sechziger Jahre?)

Vielleicht ist die Perspektive einer Theorie der künstlerischen Fotografie tatsächlich viel zu weit entfernt von einer derartigen Bestandsaufnahme zeitgenössischer Bild-Politik. Was also sollten wir mit Steyerls Thesen anfangen? Vielleicht dies: Wenn ihre These stimmt, dass die Kunst keinen realen gesellschaftlichen Stellenwert mehr besitzt, ist nicht gerade dann sie es, die als Refugium für eine widerständige Bild-Produktion dienen kann? Dann wäre alles gar nicht mehr so verheerend, denn die Post internet-art hätte zumindest kein Problem der Selbstlegitimation.   

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

BU: Ed Ruscha, Spam, 1961

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