Foto-Theorie NEU gelesen: Martina Dobbe und das bildlose Bild

Martina Dobbe, von 2015 bis 2025 Professorin für Kunstgeschichte der Moderne und der Gegenwart an der Kunstakademie Düsseldorf, hat in ihrer 2007 erschienenen Habilitationsschrift „Fotografie als theoretisches Objekt“ den Beitrag „Bildlose Bilder?“ publiziert, der im Untertitel viel verspricht: „Zum Status des Bildes im Medienzeitalter“.

So grundlegend und allgemein das klingt, so konkret geht die Autorin ihr Thema an und diskutiert es am Beispiel der frühen Porträt-Fotos von Thomas Ruff. Den eigentlichen Ausgangspunkt dafür liefert die in einem anderen Zusammenhang vom Philosophen Odo Marquard formulierte Frage, „wieviel man an einem Bild weglassen kann, ohne dass es aufhört Bild zu sein“. Wie definiert man also „Bild“ im Zeitalter der so genannten medialen „Bilderflut“? Ruff scheint ihr dabei besonders geeignet, weil er – so viel sei an dieser Stelle vorweggenommen – es versteht die Abbildlichkeit des Mediums Fotografie in eine Bildlichkeit zu überführen.

Das klingt nach einem hohen Abstraktions-Niveau und wird auch noch pointiert, denn: Ruffs „Porträts“ sind keine Porträts, behauptet die Autorin mit leicht provokativen Unterton zu Beginn ihres Beitrags und lässt spätestens an dieser Stelle erkennen, dass ihre Begriffsverwendung spezifisch und keineswegs alltagstauglich ist – was einen kunstwissenschaftlichen Ansatz nicht unbedingt schaden muss.

Ganz im Stile einer ausgebildeten Kunst-Historikerin vergleicht Martina Dobbe Ruffs Ansatz mit dem Porträt-Konzept der Renaissance, da sie eben dort auch einen historischen Wandel des Bildverständnisses hin zu einer eigengesetzlichen Fläche erkennt. Ihre folgenden Bildbeschreibungen der Bilder von Ruff, Botticelli und Antonello da Messina sind dann herausragend in ihrer deskriptiven Präzision – so etwas eignet sich als Pflichtlektüre für eine wissenschaftliche Ausbildung, die das Sehen-Lehren gerne vergisst.

Und im Anschluss genau daran gelangt sie zu dem überzeugenden Schluss, dass Ruff Bilder von Abbildern erstellt, insofern er die Medialität des Fotografischen, nämlich deren Oberfläche reflektiert. Die scheinbar banalen, reduktionistischen frühen Fotos des Düsseldorfer Künstlers verkörpern insofern eine passende Antwort auf die eingangs zitierte Frage von Odo Marquard, der ja nach den Grenzen des Noch-Bildlichen fragt.

Ist allerdings Marquards Begriff des „Bildlichen“ tatsächlich mit dem enggeführten Instrumentarium der Medienästhetikerin, wie sich Dobbe selbst beschreibt, vergleichbar? Oder werden hier nicht Äpfel mit Birnen verglichen? Und hat man mit dem Interesse an dem Verhältnis von Bild und Abbild wirklich die Spannbreite der Möglichkeiten des Fotografischen ausgemessen oder nicht vielmehr eine modernistische Denkfigur repetiert, die aus der Auseinandersetzung mit der Malerei gewonnen worden ist, und nun einfach nur auf das neue (alte) Medium übertragen? Muss also ein Foto den Zustand der Bildlosigkeit eingenommen haben, um künstlerische Relevanz zu besitzen?

Martina Dobbe gibt in ihrem Buch, also über diesen einzelnen Beitrag hinaus, mehrere Antworten auf derartige Erwartungshaltungen und ist besonders an intermedialen Dialogen interessiert. Nicht zuletzt deshalb markiert es eine wichtige Position in der aktuellen Theorie-Debatte über Fotografie.

Martina Dobbe, Fotografie als theoretisches Objekt: Bildwissenschaft – Medienästhetik – Kunstgeschichte, München 2007

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

BU: Thomas Ruff: Portraits (Ausstellungsansicht)

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