Der ewige Steichen im Zeitalter von KI. Hinweis auf eine provokative Publikation

Es fällt nicht schwer eine spontane Antwort auf die „erfolgreichste“ Foto-Ausstellung aller Zeit zu geben: Natürlich war es die von Edward Steichen 1955 erstmals im New Yorker Museum of Modern Art gezeigte Präsentation von 503 Fotos unter dem Titel „The Family of Man“.

Die Literatur zu diesem zumindest in der westlichen Welt noch viele Jahre wandernden Kaleidoskop von Menschenbildern ist kaum mehr überschaubar. Sie ist ein Markstein der Mediengeschichte, der seit 2003 in Steichens Heimat Luxemburg noch immer zu besichtigen ist. In welcher Hinsicht, so mag man skeptisch fragen, muss man diesem Phänomen eine weitere Publikation widmen? Der 120 Seiten umfassende Broschur von Gunnar Schmidt und Frank Wache tut das aber auch gar nicht, wenn man genau hinschaut. Der Titel „Menschheitsfamilien. Bildprogramme 1955/2025“ bzw. „Families of Man. Image Programmes 1955/2025“ lehnt sich lediglich an Steichen an, will aber auch programmatisch darüber hinaus gehen. Warum das? Sind wir nicht auch der Versuche einer Nachfolge oder gar Re-Aktualisierungen müde?

Eine Lektüre des einleitenden Essays der beiden Autoren ist auf jeden Fall nicht vergeblich, zumal sie das Konzept, die bildtheoretischen Hintergründe und auch die ideologiekritischen Kritiken (z.B. von Sekula, Barthes, Sontag, Solomon-Godeau) an Steichen in wirklich konziser Form darstellen. Eine Relativierung erfährt diese durch eine (auch für mich) bislang unbekannte Betrachtung von Max Horkheimer, der den Autoren als Sprungbrett dient, über den Umweg von Cartier-Bresson dann zu einer ästhetischen Wertschätzung des Ansatzes der Ausstellung zu kommen. Sie zeige sich in den die Gesamtheit der Ausstellung überstrahlenden Bedeutung der Einzelbilder, in denen sich „ein Mehr, das über die Indexikalität hinausweist“ (22) offenbare. Obgleich die Frage, warum die Ausstellung dann dennoch als Display eines Ganzen präsentiert wurde, damit tunlichst ausgeblendet wird, ist der auf den ästhetischen Gehalt abzielende Gedanke seitens der Kulturwissenschaft  zweifellos bedenkenswert.

All dies ist jedoch nur ein Intro auf das im Fortgang der Publikation vorgestellte „komparatistische Bildprojekt Menschheitsfamilien“. Hier kommt die Perspektive einer von Steichen mittlerweile 70 Jahren entfernten Gegenwart zum Tragen. Dieser Vergleich geht davon aus, bestimmte Bildthemen Steichens mit ikonografisch verwandten Bildern aus dem Bereich kommerzieller Bilddatenbanken sowie KI-generierter Bilder zu konfrontieren. Man mag bei der Betrachtung eines so entstandenen Triptychons selbst entscheiden, ob das ein lohnenswerter, erkenntnisfördernder Versuch im Stile eines „hyperimages“ (Felix Thürlemann) ist oder ob er nicht selbst allein einen mehr oder minder beliebigen Ausschnitt der viel zitierten Bilderflut illustriert. Sicher, die „Auflösung“ qua Nachschlagen im Index der Bildquellen, verblüfft in dem ein oder anderen Fall. Aber war es das nicht auch schon? Wie auch immer: der provokative Band, der dank Chat GTP und dem Programm „Mimir Mentor“ auch ins Englische übersetzt wurde, ist sehr zeitgemäß – was immer das auch heißen mag.

Gunnar Schmidt / Frank Wache, Menschheitsfamilien. Bildprogramme 1955/2025, Emsdetten/Berlin: Edition Imorde 2025, 32,- €

 Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

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