Das Alter der Fotografie: Anekdote zu national divergenten Geburtstagen

Wann die Menschheit die „Kunst“ erfand, ist eine müssige Frage – jedenfalls meistens. Immerhin unterscheidet man in der universitären Diziplinen-Kunde seit dem 19. Jahrhundert (!) nicht zuletzt in historischer Hinsicht zwischen der Archäologie und (der auf diese folgende) Kunstgeschichte. Letztere kennt dann auch wieder unterschiedliche Epochen, innerhalb derer dann auch gern zwischen (vielfach erneut historisch differenzierten) Stilen unterschieden wird. Wie aber verhält es sich mit der Gattung der so genannten „Neuen Medien“?

Diese sollten dann doch wohl so neu sein, dass ihr historischer Ursprung leicht bestimmbar sein müsste. Denkste! In Frankreich feiert man schon in diesem Jahr das „bicentenaire“ , in Deutschland keineswegs! Die Rede dieses kleinen nationalen Datierungs-Problem im Hinblick auf die Erfindung eines Mediums bezieht sich (in unserem Blog) natürlich auf die Fotografie – ein gar nicht mehr ganz so junges Medium, dessen „Ursprung“ wir alle nicht erlebt haben. Bei der Videokunst ist das vergleichsweise einfach: hier scheint sich alles um die Zeit zu Beginn der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts zu drehen, wobei vorzugsweise der Name Nam June Paik fällt.

Anders verhält es sich mit der Fotografie. Bis vor Kurzem konnte ich den Interessierten im Gefühl höchster Sicherheit, das vermitteln, was ich gelernt und auch in den einschlägigen Überblicksdarstellungen zur Geschichte der Fotografie wiederfinden kann. Demnach wurde das Medium im Jahre 1839, genauer gesagt: am 19.8.1839, „erfunden“, als nämlich Louis Daguerre sein Patent der Daguerreotypie in Frankreich öffentlich vorstellte. Im Rahmen der letztjährigen Paris Photo erfuhr ich freilich vom Pariser Kollegen Florian Ebner, dass man heftig in den Vorbereitungen zur 200 Jahr-Feier des Mediums für das Jahr 2026/27 stecke. Aha?

Na gut, man weiß – auch nicht erst seit gestern, sondern wohl seit 1952 -, dass Joseph Nicéphore Niépce das erste „beständige“ Foto, dasjenige vom wohl bekannten Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras“, irgendwann in einem mehrstündigen Belichtungsprozess in den Jahren 1826 oder 1827 hergestellt hat. Das genaue Datum ist freilich nicht bekannt. Während man in Deutschland (und wohl auch in den meisten anderen Ländern) aber nach wie vor Daguerres Erfindung als die „Geburtsstunde“ der Fotografie ansieht, gilt in Frankreich Niépce als deren Erfinder und so feiert man in unserem Nachbarland den 200. Geburtstag dieses französischen Mediums eben offiziell schon früher. Frankreich also gegen den Rest der Welt?

Nein, lediglich eine kleine, amüsante Anekdote zur Geschichtsschreibung. Ehrlich gesagt, feiere ich gern jetzt und dann auch später noch einmal.

Stefan Gronert

…ist Kurator am Sprengel Museum Hannover

BU: Joseph Nicéphore Niépce, Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras

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