Stiller Wandel. Zur Verabschiedung des Modernismus an der Kunstakademie Düsseldorf

Viel medialer Wirbel erregte sich zuletzt in Düsseldorf aus Anlass der Vorstellung des Abschlussberichts der beratenden Gründungskommission für das Deutsche Fotoinstitut. Wie es nun praktisch weitergeht, darf man mit leicht nachgelassener Spannung erwarten. Fast aber unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit hat sich nun an anderer Stelle in Düsseldorf etwas ereignet.

Denn die Kunstakademie Düsseldorf erklärt zum Beginn des Wintersemesters 2025/25 folgendes über ihre Pressestelle:

„Die Fotografin Josephine Pryde übernimmt die Professur für Fotografie in der Nachfolge von Christopher Williams. Pryde lehrte bereits seit 2008 als Professorin für zeitgenössische Fotografie an der Universität der Künste in Berlin. Sie hatte davor an der Akademie der Bildende Künste in Wien eine Gastprofessur inne. Sie studierte u.a. von 1986 bis 1989 am Central Saint Martin College of Art and Design in London. Ihre Werke befinden sich in internationalen öffentlichen Institutionen, wie z.B. dem Modern Museum of Art in New York oder dem Stedelijk Museum in Amsterdam. Ihre letzte Einzelausstellung fand im Haus am Waldsee in Berlin statt. Ihre Fotografien beschäftigen sich mit der vielseitigen Geschichte der Erforschung des Sehens, die in ihren Werken wiederholt thematisiert wird.“

Josephine Pryde als Nachfolgerin von Christopher Williams? Aha! Rufen wir uns noch einmal eine historische knappe Geschichte in Erinnerung: 1976 wurde Bernd Becher erster Professor für künstlerische Fotografie Düsseldorf. Nachdem der Versuch einer Neubesetzung mit Jeff Wall unglücklich gescheitert war, folgte ihm von 2000 bis 2006 sein ehemaliger Schüler Thomas Ruff. Ihm folgte wiederum der amerikanische Künstler Christopher Williams. Daneben wurde in Düsseldorf 2010 eine Position für freie Kunst eingerichtet, die Andreas Gursky acht Jahre lang innehatte und seitdem von Peter Piller praktiziert wird.

Halten wir also mit Rücksicht auf diese Liste einmal formal fest: Josephine Pryde ist die erste Frau, die Fotografie in Düsseldorf unterrichtet! Aber mal ehrlich gefragt und trotz der oben zitierten Pressemeldung: Josephine Pryde? Die 1967 in Nordengland geborene Künstlerin taucht in keinem (populären) Überblick zur zeitgenössischen Fotografie auf. Einzelausstellungen in (kleineren oder größeren) Museen von ihr sind eher Raritäten. Von einer der nahezu monopolistisch agierenden Großgalerien (Hauser & Wirth, Gagosian, Zwirner etc.) ist sie nicht im Programm, immerhin bei der Berliner Galerie Neu. Und vielleicht hat man auch die Ausstellung im Sommer 2024 im Haus am Waldsee bedauerlicherweise verpasst. Aber was soll’s? Dies sind nur nüchterne Beobachtungen, die man keineswegs als Wertung missverstehen darf. Wichtig ist zweifellos auch ihre Tätigkeit als Lehrerin und in dieser Hinsicht hat sie als Professorin an der UdK Berlin seit 2008 umfangreiche Erfahrungen gesammelt. Also seien wir gespannt und verfolgen den weiteren Gang eines ästhetischen Paradigmenwechsels und seiner Wirkungen.

Ein Weiteres kommt an der Kunstakademie Düsseldorf hinzu: Denn nahezu zeitgleich ist auf der Ebene der Kunstwissenschaften die Nachfolge von Martina  Dobbe ausgeschrieben, die nicht nur für Moderne und Gegenwartskunst zuständig war, sondern sich auch als profilierte Kennerin speziell im Bereich der Geschichte der neueren Fotografie hervorgetan hat. Will man ihre Position charakterisieren, so hat sie sich – anknüpfend an die schon in ihrer Dissertation thematisierte Differenz von Moderne und Postmoderne – gerade auch mit Fragen der Selbstrefenzialität des Fotografischen beschäftigt.  Man darf gespannt sein, wer ihr nun folgen wird und ob diese Person dann auch der Theorie und Geschichte Fotografie weiterhin Wertschätzung widmen wird. Sollte dem so sein, dann kommen aus dem deutschsprachigen Raum sicher nur eine überschaubare Anzahl an Personen in Frage…Mehrfache Spannung also im Hinblick auf das weitere Geschehen in der „Fotostadt“ Düsseldorf.

 Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

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