Wer’s findet, darf’s behalten. Der Reiz von Found Footage in der künstlerischen Fotografie

Verblichen oder verfärbt, verschwommene Szenen in der Ästhetik der Vergangenheit: In aktuellen Ausstellungen erfreut sich das Vintage-Foto großer Beliebtheit, ob es sich um Originale als Ready-Mades, Ausschnittvergrößerungen oder um Meta-Inszenierungen handelt, in denen das milchige Seidenpapier wie im alten Fotoalbum Teil des Bildes wird. Diese Form der Aneignung spiegelt nicht nur den aktuellen Retro-Trend wieder, der sich besonders in der Privatfotografie niederschlägt, sondern ist generell eine wichtige Tendenz künstlerischer Fotografie geworden.

Während Malerei oft in temporär fluiden Entstehungsprozessen geradezu eine Zeitlosigkeit verkörpert, ist die Fotografie stets Referenz eines einzelnen Augenblicks, immer gewesen. Ob inszeniert oder spontan zeichnet sie i.d.R. Bruchteile einer Sekunde auf, mit deren Anfang und Ende der Moment inhärent verwoben ist und das Bild zum Zeichen wird. Das Vintage-Foto nimmt dabei in der Behandlung der Zeitlichkeit eine besondere Rolle ein, da es nicht nur inhaltlich auf ehemalige Gegebenheiten verweist und Menschen zeigt, die seitdem älter geworden oder gar bereits verstorben sind. In gewisser Weise bildet Found Footage eine neue Vanitas-Motivik, in der das fotografische Bild selbst zum Symbol des Vergangenen und Vergänglichen wird.

Insbesondere die Ästhetik der Vergangenheit hat eine große Anziehungskraft, in der auch der Zufall (des Verfalls und des Gefundenen) eine große Rolle spielt, die Kontrollabgabe in der sonst so planungsbehafteten Fotografie, der auch ein Genre wie Street Photography entgegenzuwirken versucht. Aber auch die Zeichen einer allgemeinen visuellen Sättigung werden dadurch deutlich, in der die Arbeit mit bereits erzeugten Bildern interessanter wird als die unendliche Produktion.

Pierre Bourdieu fand bereits Anfang der 1980er Jahre in seiner wohl bekanntesten soziologischen Untersuchung über die Gebrauchsweisen der Fotografie heraus, dass die Ästhetik eines Privatfotos völlig hinter seiner Funktion verschwindet und obsolet wird, wenn es keinen erkennbaren Nutzen im privaten Kontext aufzuweisen hat. Die erste Herausforderung von Found Footage in der künstlerischen Fotografie liegt also insbesondere darin, künstlerische Aspekte in einer amateurhaften Fotografie zu finden, die nicht unter diesen Vorzeichen geschaffen wurde, eine unbewusste Schönheit oder Ergriffenheit erfahrbar zu machen und sie in den Stand der Kunst zu erheben.

Nicht zuletzt zeigt die Beschäftigung mit gefundenem, privaten Material einige dialektische Aspekte innerhalb des künstlerischen Schaffensprozesses auf: So tritt der oder die FotokünstlerIn hier nicht nur aus der Rolle der Produzierenden heraus, um auf die Seite der Betrachtung zu treten und sich als „SchöpferIn“ zu entmystifizieren, sondern eröffnet damit ein Feld der Gegensätze. Neue, digitale Schaffensprozesse treten mit analogen Techniken in Dialog, Materialität stemmt sich gegen Sphärisches, Neuerschaffung trifft Weiterverwendung – der Reiz ist für mich nachvollziehbar.

Aber ist Found Footage deshalb schon eine inhaltliche Qualität an sich? Kann es mehr als eine Retro-Dimension besitzen? Ich denke ja. Es zeigt die Anziehung und Schönheit des Gewohnten genauso wie die enge Verbindung von Kunst und gesellschaftlichen Wünschen und ist damit für mich die ästhetischste Form der Konzeptkunst.

Julia Catherine Berger

…studiert Kunstwissenschaft an der HBK Braunschweig

1 Kommentar zu Wer’s findet, darf’s behalten. Der Reiz von Found Footage in der künstlerischen Fotografie

  1. Interessanter Artikel. Es gibt neben dem Retro-ästhetischen noch weitere Aspekte die mit „Found Footage“ im Zusammenhang stehen. Es zeigt sich das Thema auch darin, im „Müll“ der gegenwärtigen Bilderflut gefundene Bilder zu neuen Serien zusammenzustellen. So entsteht eine neue Autorenschaft durch den Künstler, der durch eine Serialisierung/Zusammenstellung der Bilder eine neue Ästhetik erzeugt, die im einzellnen Bild nicht vorhanden war. (Beispiel: Mark Wallinger “The Unconscious”).
    Ein weiteres Interessantes Beispiel für „Found Footage“ findet sich hier:
    https://www.dzbank-kunstsammlung.de/de/presse/pressemeldungen/article/farbe-form-fotografie-flaeche/
    – Autonome Entwicklung der Fotografie – „… Jörg Sasse und Thomas Ruff sind mit den Werken Lost Memories und Substrat vertreten, die auf Found Footage Material basieren – aus vorgefundenen Aufnahmen, die die Künstler nicht mehr selbst herstellen. …“

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