Über das neue Pathetische

Friedrich Schiller schrieb 1801 in seinem Text Über das Pathetische“ über das Vergnügen am Leid und großen Gefühlen und der Freiheit darin. Aber was bedeutet Pathos heutzutage? Ist es jene Distanz die Andreas Mühe in seiner aktuellen Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen (19.5.-20.8.2017) postuliert?

Der Ausdruck von Pathos, großen Emotionen und Leid war seit jeher Bestandteil des künstlerischen Diskurses, die in Schlachten, antiken Tragödien und biblischem Leid zum Ausdruck gebracht wurden. Aby Warburg  prägte auf Grundlage dessen 1905 den Begriff der „Pathosformel“ und zeigte, dass sich diese Darstellungen seit der Antike auf immer gleiche formalästhetische Muster reduzieren ließen. Auch wenn sich die Malerei in ihren Avantgarde-Bewegungen allmählich von den klassischen Formeln löste, indem sie den Affekt vom Bildinhalt auf seine Umsetzung übertrug, schien hingegen in der künstlerischen Fotografie der Begriff des Pathos nie wirklich mit diesem Medium kompatibel zu sein. Vielmehr erscheint uns jenes „Erhabene“ in Fotografien entweder durch eine Referenz auf jene klassischen malerischen Vorbilder oder im Kontext seiner Zeitlichkeit und seiner Aura des Vergänglichen.

In der Retrospektive Mühes, der er selbst den Begriff „Pathos“ vorwegstellt und ihn „als Distanz“ definiert, sehen wir in romantischer Friedrich-Manier inszenierte Bilder, in denen Leute in der Ferne an Klippen stehen und in Sonnenuntergänge blicken, Bilder toter Wildtiere, dunkle Portraits von aktuellen Politikern und Männer in SS-Uniformen. All jene Bilder erfassen nicht den Moment des Affekts, doch werden sie zu Symbolen des Pathetischen. Durch die Distanz und das Nicht-Greifbare bleibt Raum zur Ergriffenheit. Dabei spielt jedes Detail bis zur Petersburger Hängung an den Wänden der Deichtorhallen eine Rolle in der Inszenierung des neuen Pathetischen, was gleichzeitig politisch und ästhetisch, humorvoll und erdrückend wirkt.

Mühe ist nur ein aktuelles Beispiel für eine Tendenz der inszenierten Fotografie, zu der man alternativ auch Tom Hunter, Anna Gaskell, Erwin Olaf und Gregory Crewdson zählen kann. Bei allen spielt die filmhafte, sequenzartige Inszenierung eine Rolle, womit sie wiederum doch in gewisser Weise wieder jenes Erbe der klassischen Historienmalerei aufnehmen, welche die Pathosformel begründete.

Ist der Ausdruck großer Gefühle also passé? Es scheint, als versuche die zeitgenössische künstlerische Fotografie der medialen Flut jener Schockbildern entgegen zu wirken, die fernab künstlerischem Interesses pures Leid verkaufen, ganz ohne feierliches Ergriffensein, und statt dessen eine Enklave der Stille zu schaffen (wenn auch, wie bei Mühe, vielleicht nicht völlig ohne „Schockbilder“). Doch liegt die Kunst des zeitgenössischen Pathos in der Reduzierung, im Leisen. Denn gerade die Fotografie vermag es solche Bilder zu erschaffen, die sich durch ihre Unmittelbarkeit und Referenz auf ein ganzes Universum großer Gefühle beziehen, mag das Abgebildete noch so „nüchtern“ dargestellt sein. Im Weglassen liegt die Kunst, in der Betonung des Nicht-Sichtbaren das Erhabene.

Julia Catherine Berger

…studiert Kunstwissenschaft an der HBK Braunschweig