Rineke Dijkstra – Figuren

Mit dem Boom der zeitgenössischen Fotografie in deutschen Museen ging Anfang der neunziger Jahre auch der Stern von Rineke Dijkstra auf. Seitdem ist sie als DIE zeitgenössische Porträt-Fotografien schlechthin bekannt, verfolgt ihren Ansatz mit großer Konsequenz. Aus diesem Anlass wurde ihr der SPECTRUM-Internationaler Preis für Fotografie der Stiftung Niedersachsen verliehen, der seit 1994 jeweils in eine große Einzelausstellung im Sprengel Museum Hannover mündet und dort vom 27.1. bis 6.5.2018 zu sehen sind.

Hierfür hat Dijkstra erstmals eine innovative Präsentationsform entwickelt, die auf einem Dialog von ausgewählten Werken ihres eigenen Oeuvres und Werken aus der Sammlung des Sprengel Museum Hannover aufbaut. In der Konfrontation von Fotografien aus den frühen neunziger Jahren (z. B. die „Beach Portraits“) sowie ganz aktuellen Arbeiten und Gemälden von Max Beckmann, Fernand Léger sowie zahlreichen modernen Skulpturen (Henri Laurens, Hans Arp, Kurt Lehmann, Shinkichi Tajiri etc.) eröffnet sich ein neuartiger Blick auf die spezifische Bildsprache der niederländischen Künstlerin – und auch umgekehrt auf die vermeintlich bekannten Arbeiten der Sammlung.

Die für die Ausstellung im Sprengel Museum Hannover ausgewählten Porträts konzentrieren sich auf die skulpturalen Aspekte der Fotografien und Videos von Rineke Dijkstra. Während ihrer gesamten Karriere hat die Künstlerin stets ein großes Interesse an der Bildhauerei gezeigt. Schon in ihren ersten Beach Portraits setzte sie die für die charakteristische skulpturale Mittel – Haltung, Zwischenraum und Kontrapost – ein und hat immer wieder betont, dass der Betrachter in der Lage sein sollte, ihre Sujets zu umrunden. Diese Qualität wird noch verstärkt durch Dijkstra‘s Überzeugung, dass die natürliche Haltung, die Pose, mit der man sich am wohlsten fühlt, entscheidend für die Interpretation einer Persönlichkeit ist. Das ist der Hauptgrund, warum sie immer danach strebt, Posen einzufangen, die irgendwie natürlich und ungehemmt zustande kommen.

Dijkstra‘s Interesse an Skulptur zeigt sich am deutlichsten in ihrer jüngsten Videoinstallation The Gymschool. Die Arbeit, die sich an den Bildern des Fotografen Eadweard Muybridge orientiert, zeigt eine Gruppe russischer Mädchen im Alter von acht bis zwölf Jahren, die rhythmische Gymnastikübungen praktizieren. Durch die Flexibilität ihrer Körper und ihr anstrengendes Training sind sie in der Lage, sich zu extremen Körperhaltungen zu formen, die überraschend wie Skulpturen aussehen. Indem Dijkstra dieselben Übungen aus verschiedenen Perspektiven filmt, entstehen ständig wechselnde Formen, die die skulpturalen Figuren der Turnerinnen hervorheben. Werke von Bildhauern wie Germaine Richier, Max Ernst und Niki de Saint Phalle zeigen in der Ausstellung nicht nur die inhärente Beziehung zwischen Dijkstra‘s Fotografien und Skulpturen, sondern werfen auch ein neues Licht auf die Rolle der dritten Dimension in Dijkstra‘s Werk.

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