No apocalypse, not now! Bilderflut als Chance

Die Warnung vor Bildern hat eine lange Tradition, die sich durch die christlich-jüdische Religion zieht und im gregorianischen Diktum des 8. Jahrhundert einen prägnanten Ausdruck findet, wenn die Gefahr der Idolatrie mit den Worten beschrieben wird: »Bilder sind Schrift für Idioten«.

Die religiös begründete Warnung vor dem Bild hat sich nach dem Zeitalter der Aufklärung gewandelt zu einer bedrohten Wahrnehmungsfähigkeit, die sich infolge einer Vielzahl von uns umgebenden Bildern ergeben könnte. Dieses Motiv hat sich ihrerseits über Jahrhunderte verdichtet in der Metapher von einer die Gesellschaft bedrohenden Bilderflut. Die Masse der Bilder, so die apokalyptischen Warnungen, tragen zur Abstumpfung unserer Wahrnehmung bei.

Die Warnung vor der Bilderflut ist also nicht erst ein Produkt und Symptom einer digitalisierten Kommunikationsgesellschaft, in der jeder ständig einen Fotoapparat mit Telefonfunktion zur Hand hat. Zweifellos aber hat sich die Problemkonstellation in den vergangenen Jahrzehnten rasant verschärft. Eben damit wurde zugleich auch die Kulturkritik erheblich angeheizt. Sie bezieht sich gern auf die problematische Funktion der Fotografie. So hat zum Beispiel der Philosoph Günter Anders bereits 1956 in seinem Buch Die Antiquiertheit des Menschen vor einer Reizüberflutung durch Bilder, der Gefahr einer „Ikonomanie“, also einer Sucht nach Bildern, gewarnt. Instagram ante portas!

Was aber bedeutet dies für den Kontext der Kunst? Führt eine sicherlich nicht unbegründete Kulturkritik automatisch zu einer Kritik der künstlerischen Fotografie? Kann nicht – anders als die Floskel »the medium is the message« suggerieren mag – eventuell mit einer kritischen Botschaft auch die Einschätzung des Mediums verändert werden?

Derartige Fragen sind nur dann sinnvoll, wenn man annimmt, dass die Fotografie die beiden (sich bisweilen überlappenden) Systeme von Kunst und Leben miteinander verbinden, aber innerhalb dieser jeweils unterschiedliche Funktionen besitzen kann. Vor dem Hintergrund der konventionellen Erwartung an die Kunst, nicht nur „schön“ zu sein, sondern sich auch kritisch zu gesellschaftlichen Bedingungen und Zuständen zu verhalten, liegt es nahe, dass man in der Kunst eine Auseinandersetzung mit der schier omnipräsenten Bilderflut erwarten darf. Das betrifft besonders die künstlerische Fotografie, die just zu jener Zeit eine künstlerische Breitenwirkung erlangt hat, als gleichzeitig auch die Menge der Daten und Bilder im Alltag rasant zunahm. Inwiefern kann sich aber in der Kunst eine kritische Reflexion einer Bilderflut artikulieren, die im außerästhetischen Diskurs just durch dieses Medium selbst forciert wird? Oder um die Metapher zu unterwandern: Wie kann man in der Bilderflut aus dieser herauskommen, ohne auf der Welle lediglich mit zu schwimmen?

Kategorial gibt es darauf zumindest drei Antworten: zum einen ist es das vereinzelte eminente Bild, das per se eine intensivierte Rezeption erfordert und damit schon einmal aus der Bilderflut hervorsticht. Zweitens wäre an eine Reproduktion bzw. Appropriation zu denken, die als solche erkennbar ist. Ihre Existenz bedarf aber des Kontext-Bewusstseins, bleibt also dem vielzitierten „unschuldigen“ Betrachter unzugänglich. Und drittens gibt es noch die Form der Mimesis, welche die Überforderung der Rezeption durch eine erhöhte Bild-Quantität selbst zum künstlerischen Gegenstand macht.

Sicherlich kann es weitere Möglichkeiten geben, der Bilderflut künstlerisch zu begegnen. Eines aber dürfte klar sein: Angst braucht man vor ihr nicht zu haben!

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

− 1 = 2