Foto-Theorie: Eine vergangene Mode?

Die helle Kammer ist ein Buch, das neben Walter Benjamins Essays vielleicht die größte Resonanz innerhalb des theoretischen Diskurses zur Fotografie im vergangenen Jahrhundert erhalten hat. Der innovative Ertrag dieser Schrift ist gleichwohl reichlich begrenzt und so war ich überaus erfreut über einen Essay von Christoph Ribbat, der 2004 im Kunstforum International erschien und den Titel trug: Smoke gets in your eyes, oder: Wie ich lernte, über Fotografie zu schreiben ohne Roland Barthes zu zitieren. Eine Infragestellung nomineller Autorität, da sie inhaltlich nicht hält, was sie verspricht: Recht so!

Das schien wie ein Aufbruch zu neuen Ufern der theoretischen Beschäftigung mit der Fotografie. Überhaupt erschien Ribbats Text im goldenen Zeitalter der Foto-Theorie. Herta Wolf hatte soeben ihre beiden Sammelbände zur Fotokritik am Ende des fotografischen Zeitalters bei Suhrkamp veröffentlicht (2002 und 2003). Peter Geimers Band zur Ordnungen der Sichtbarkeit war ebenfalls noch druckfrisch, während im angelsächsischen Raum der Meister der Sammelbände, James Elkins, wenig später mit Photography Theory (2007) auftrat und kurz danach dann auch Peter Geimer mit seinem brillanten Taschenbuch Theorien der Fotografie zur Einführung (2009) nicht nur das Herz vieler Bachelor-Studierenden höher schlagen ließ. Durchaus fordernder war schon die Lektüre von Bernd Stieglers brillanter Theoriegeschichte der Photographie, die 2006 erschien und nach dem Abschluss der vierbändigen Quellen zur Theorie der Fotografie von Wolfgang Kemp (bzw. Hubertus von Amelunxen) im Jahr 2000 den profundesten Überblick zum Thema im deutschsprachigen Raum verkörpert. Und zwischendurch, genauer gesagt: 2008, erhielten auch die amerikanischen Freunde der Foto-Debatte durch Why Photography matters as Art as never before eine Erklärung für die (damals) aktuelle Popularität eines neuen alten Mediums, das auf einmal als eine Art Vollendung der Geschichtsphilosophie von Michael Fried lesbar wurde.

All dies liegt mittlerweile ein paar Jahre zurück. Zuletzt wirkte die Theorie-Produktion vergleichsweise etwas ermattet, so dass die Flut der fototheoretischen Publikation im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts rückblickend wie ein kurzlebiges Mode-Phänomen anmutet. Hängt das damit zusammen, dass die „digitale Gefahr“ ihren Schrecken mittlerweile eingebüßt hat? Sind alle Standards bereits befriedigend gesetzt? Wohl kaum, denn sonst hätte allein unser vergangener Blog-Beitrag zur „Zukunft der Fotografie“ nicht ein so großes Interesse erzeugt. Gleichzeitig ist zu hören, dass das von der DFG geförderte Graduiertenkolleg das fotografische dispositiv, welches unter der Leitung von Katharina Sykora an der HBK Braunschweig seit 2013 für zahlreiche Forschungsbeiträge sorgte, im Frühjahr 2018 eingestellt wird.

All dies lädt zu diagnostischen Spekulationen über den aktuellen Zustand eines intellektuellen Themas ein, dessen Territorium und auch dessen Schauplatz wohl nie klar definiert waren. Ist die theoretische Reflexion, die ja vielleicht ohnehin (nur) eine Theorie-Geschichte war, heute der Historiografie fotografischer Bilder selbst gewichen? Haben sich Theorie und Geschichte unterdessen unversöhnlich getrennt? Oder ist die Foto-Geschichte in der Kunstgeschichte angekommen und damit zum marginalen Bestandteil einer umfassenden Meta-Kritik des Bildes oder gar einer Mediengeschichte verkommen? Was sollte und darf man von einer Theorie der Fotografie überhaupt noch erwarten? Wo diskutieren wir solche Fragen in der Hoffnung auf Resonanz?

Eines ist ganz sicher: die Theorie der Fotografie ist nicht am „Ende“ – allein schon weil Gleiches für die Fotografie gilt. Sie liegt vielleicht nicht im Trend, aber den üblichen Endzeit-Diagnosen, die aufmerksamkeitserheischend formuliert werden, steht de facto eine potenzierte Bilderflut entgegen, die sich auf immer mehr Weisen, auch und gerade über digitale Kanäle, den Weg bahnt. Das betrifft letztlich auch die künstlerische Fotografie, die sich gerade an ihren Rändern stark differenziert und ihr Gesicht verändert. Nach einer Flut kommt häufig eine Ebbe, was die aktuelle Zurückhaltung in der Theorie-Produktion mit einem naiv-naturalistischen Argument erklären würde. Aber selbst wenn dem so sein sollte, dauert die Denk-Pause nun schon lange genug. Versuchen wir uns doch schon einmal an der grundsätzlichen Frage: Was wollen wir mit der Fotografie in der Kunst? Falsch gestellte Frage?

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

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