Die Fotografie – ein Bild im Plural

In Foto-Ausstellungen begegnen uns Fotografien oftmals als Einzelbilder, gerahmt und unter Passepartout, in angemessenem Abstand zu den anderen Bildern. Modelle, die diese auf dem Singular der Fotografie basierenden Präsentationsweisen konterkarieren, liefern plurale Bildarrangements wie sie beispielsweise in den Hyperimages von Wolfgang Tillmans (s. obige Abbildung des Sammlungsraums im Museum Folkwang), Peggy Buth und Arwed Messmer zum Ausdruck kommen.

Dennoch, bis heute behauptet das Konzept der Präsentation von Malerei, das der Ideologie des White Cube entspringt, Gültigkeit im Rahmen fotografischer Ausstellungen und wurde gleichsam unhinterfragt auf die Fotografie übertragen. Ist das fotografische Bild in der zeitgenössischen Fotografie als Einzelbild konzipiert und im großformatigen Tableauformat produziert, scheint jene Präsentation angemessen. Anders verhält es sich jedoch mit den vielen Fotografien, die erst nachträglich in den Kanon der künstlerischen Fotografie aufgenommen worden sind, und deren Zuhause nicht die Ausstellungswand ist, sondern das Buch, das Album oder Magazin.

Im Zuge der Neubewertung der Fotografie in den 1970er Jahren ging der Vereinzelung der Fotografien in der Ausstellungspraxis ein Akt der Isolierung voran: Um sammlungskompatibel zu sein, werden Fotografien aus ihrem medialen Kontext gelöst. So werden Fotografien aus illustrierten Büchern entnommen und in neu gegründete Fotografische Sammlungen eingeführt, wie im Fall der New York Public Library Ende der 1970er Jahre geschehen. Die Entkontextualisierung der Fotografie, die im Rahmen der institutionellen Anerkennung der Fotografie zur gängigen Praxis wird, begründet damit wesentlich den Status der Fotografie als Kunst und ist zugleich ihre Folge. Dabei ist die institutionelle Anerkennung für die Fotografie Segen und Fluch zugleich. Ihr Einzug in die musealen Sammlungen bedeutet einen elementaren Verlust für das fotografische Bild, dessen Sinnpotential im Zusammenspiel mit anderen Bildern begründet ist.

Kritik an dieser nostalgischen Sichtweise liegt in Zeiten hoher Bildzirkulation nahe, in denen sich der ökonomische Wert einer Fotografie zuallererst aus ihrer Verbreitung zu bemessen scheint. Welche Bedeutung hat da noch der ursprüngliche Kontext? Und gibt es diesen überhaupt? Vielmehr sind es doch die vielen unterschiedlichen Kontexte, in denen das Bedeutungspotential der Fotografien immer wieder von neuem herausgefordert wird und die Fotografie neue Geschichten generiert.

Zweifelsohne kann es nicht darum gehen die einmal aus ihrem ursprünglichen Präsentationskontext gelösten Fotografien in ihren Kontext zurückzuversetzen, doch lassen sich die Kontexte wiederherstellen bzw. rekonstruieren, scheint es ratsam, diese in Ausstellungen mit zu vermitteln, zum Beispiel in Gestalt von Magazinseiten oder Ausstellungsansichten. Sind die Versuche im Rahmen der Ausstellung von historischen Fotografien noch zaghaft und beschränken sich thematisch auf fotografische Gebrauchsweisen wie zum Beispiel das Fotobuch (z.B. „Eyes on Paris – Paris im Fotobuch 1890 bis heute“, Deichtorhallen Hamburg, 2012), können die unterschiedlichen Präsentationsmodi von bildjournalistischen Arbeiten, wie sie beispielsweise für die Ausstellung „Das rebellische Bild“ (Museum Folkwang, 2016/17) entwickelt wurden, als Orientierung dienen. So können die medialen Kontexte Anlass geben für neue Präsentationsweisen, die die Fotografie als plurales Bild erfahrbar machen. Profitieren werden davon nicht nur der Betrachter, sondern vor allem die Fotografien selbst, deren viele Geschichten ansonsten verschwinden.

Lena Holbein

…ist Stipendiatin im Graduiertenkolleg Das fotografische Dispositiv an der HBK Braunschweig