Blick in die Ferne: Ann-Kathrin Müller in Stuttgart

Seit vielen Jahren stellt das Kunstmuseum Stuttgart unter dem Titel „Frischzelle“ seinen Besucherinnen regelmäßig junge Positionen vor, die jenseits des etablierten Marktgeschehens (oder dort noch nicht angekommen) neue Sichtweisen anbieten. In der immerhin 24. Folge dieser Reihe ist mit der 1988 in Nürtingen geborenen Ann-Kathrin Müller nun erstmals eine Fotografin zu sehen. Und es handelt sich in der Tat um eine vielversprechende Entdeckung.

Das Interessante an Müllers Ansatz ergibt sich aus einer eigentümlichen Verschlingung von Literarischem und Bildlichem, die sich zwar nicht auf den ersten Blick enthüllt, aber spätestens bei eingehender Betrachtung ein ungewöhnliches narratives Potential der Fotografie eröffnet. Die Künstlerin arbeitet dabei immer mit mehrteiligen Bild-Konstellationen von Schwarzweiß-Bildern, die zunächst wie autonome Einzelbilder erscheinen. Erst die jeweiligen Titel – wie z.B. Die Exposition, Die Exkursion oder Tamerian – inhaltlich keineswegs überdeutlich oder einengend, legen es nahe nach Zusammenhängen zwischen den motivisch durchaus disparaten Bildern zu fragen. Und an dieser Stelle ist die Betrachterin als Individuum gefordert, das sich Geschichten imaginiert. Das mag die eine oder den anderen überfordern, aber Ansprüche sollte die Kunst schon stellen dürfen.

Ein durchgängig auffälliges Charakteristikum der Bildsprache von Müller ist sicherlich ihre retrospektive Anmutung, die sich in Gestalt der Kleidung der Personen oder der gezeigten Automobile äußert und sich in das Licht-Schatten-Spiel der unterschiedlich großen Schwarzweiß-Abzüge fügt. Die Suche nach der Geschichte jedoch transzendiert sogleich diese gleichsam historistische Anmutung, die motivisch bisweilen mit dem Optimismus der 50er Jahre flirtet: Das Einzelbild erscheint dann fast wie ein gespannter Bogen voller Erwartungen auf die Erfüllung in einer erzählerischen Dimension, für die es jedoch kein wirkliches Ziel gibt, die also immer wieder zum Neubeginn des Wechselspiels zwischen Sehen und Denken Anlass gibt.

Müllers Konstellationen gewinnen dabei mitunter sogar eine filmische Dimension, wie Sarah Donata Schneider im begleitenden Katalog eindrucksvoll erläutert: „Im Rückzug aus dem allgegenwärtigen Farbenreichtum der Gegenwart erwachsen die Bilder Ann-Kathrin Müllers zum Kondensat einer längst vergangenen Zeit. Damit überwinden sie ihre […] architektonische Konstruktion und werden innerhalb ihres Rezeptionsvorgang zu einer filmischen Szene erweitert.“

Bis hier hin ist freilich noch unklar, was es mit dem eingangs angesprochenen literarische Moment auf sich hat. Das Gemeinte, tatsächlich von der Müller verfasste Kurztexte, die sich im Modus des Künstlerbuchs erfüllen, lässt sich visuell nicht zwangsläufig in einer vergleichbaren Intensität erfahren, wie sie in den ausliegenden Publikationen oder auf ihrer Homepage (http://www.annkathrinmueller.de) nachlesbar sind. Die sich aufdrängende Frage, ob es sich hierbei um notwendige, bereichernde oder gar überflüssige Text-Komplemente handelt, wird die Künstlerin in Zukunft wohl noch eingehend verfolgen und somit künstlerisch beantworten müssen. Wie auch immer: Ann-Kathrin Müllers Heimspiel in Stuttgart ist ein Auftakt, der fast schon eine Frischzellenkur für das Zusammenspiel von Auge und Geist ist.